Mitschriften und Protokolle im Rollenspiel

Kürzlich wurde ich danach gefragt, wie ich mir Notizen mache, meine Antwort folgt in etwas ausgebauter Form in diesem. Die ursprüngliche Frage war sehr allgemein, dennoch möchte ich mich im Folgenden auf die Mitschriften während des Abenteuers konzentrieren. Notizen im Sinne der Vorbereitung als Spielleiter deute ich bereits in diesem Blogbeitrag zum Serienkonzept an, das ich in diesem Artikel mit einem Beispiel vertiefe.

Mein Fokus liegt in diesem Beitrag, da ich viel leite, auf den Nutzen von Gruppenprotokollen und Mitschriften für Spielleiterinnen. Einiges lässt sich für die Abenteuerplanung verwenden, um die gemeinsame Geschichte auf die Interessen der Spielerinnen zu zuschneiden.

Während meiner Arbeit am ersten Entwurf hat Pete das Thema in einem Video bearbeitet, das stärker die Sicht der Spielerin betrachtet. Sowohl den konkreten Anstoß als auch seinen Kanal empfehle ich sowohl deshalb gerne weiter.

Aufbau von Notizen für das Rollenspiel

In meinen Augen ergibt es Sinn, drei Punkte vor den Ereignissen einer Rollenspielsitzung festzuhalten: AnwesenheitStorylines und offene Fragen. Optional können diese durch eine Liste von Nebenfiguren ergänzt werden. Das gilt vor allen Dingen für jene Protokolle, die eine Gruppe gemeinsam nutzt. Wenn Du Deine Notizen nicht teilst, können einzelne Punkte auch weniger sinnvoll sein – abhängig von der Position als Spielleiterin oder Spielerin.

Anwesenheit

Niemand sollte die Anwesenheit einzelner Spielerinnen nachzählen oder aus verpassten Sitzungen Vorwürfe ableiten. Dafür gibt es schließlich gute Gründe. Wenn Euch eine Spielerin ghostet, wiederholt kommentarlos fehlt und nicht auf Nachfragen antwortet, dann fällt das anderweitig auf. Das zählt zu einem anderen Themenkomplex.

Mein Augenmerk bei der Anwesenheit liegt auf dem Wissen, das vorausgesetzt werden kann. Protokolle können unvollständig sein. Manchmal erscheinen beim Schreiben Punkte logisch, weil die Verfasserin dabei war und zwischen den Zeilen Informationen ergänzt. Selbst wenn alles vollständig festgehalten wurde, wirkt das erlebte Spiel in der Erinnerung anders, als das Protokoll nachzulesen – vorausgesetzt, dass das überhaupt getan wird.

In diesem Sinne hilft die Anwesenheit der Spielleiterin und den Mitspielerinnen dabei abzuschätzen, ob jemand vielleicht gezielt in kritischen Punkten abgeholt werden muss.

Storylines

Unter dem Punkt der Storylines halten wir die offenen Handlungsfäden fest in einem kurzen Stichpunkt oder Satz fest. Das betrifft primär Kampagnen, in denen diese auch parallel eröffnet werden. In meinen fortlaufenden Runden kommt das häufiger vor: Manche werden aktiv bespielt, während sich andere andeuten und im Sand verlaufen oder die Gruppe später auf sie zurückkommt.

Dieser Punkt fasst diese Handlungsbögen und Aufhänger zusammen. Das können klassische Aufträge sein. Ebenso fällt alles in diese Kategorie, bei dem sich abzeichnet, dass es umfangreichere Konsequenzen nach sich ziehen wird. Entsprechend können die Punkte von Sitzung zu Sitzung übernommen, abgeschlossene Handlungsbögen gestrichen und neue ergänzt werden.

Spielleiterinnen empfehle ich, abseits von der Aktualisierung nach einem Termin, ab und an aufzuräumen: Offene Handlungsbögen können auch dann wegfallen, wenn abzusehen ist, dass sie nach einem langen Schattendasein in der laufenden Kampagne nicht wieder aufgegriffen werden.

Bei meiner aktuellen Worlds-in-Peril-Runde stehen hier in der Vorlage für die nächste Sitzung beispielsweise:

  • Das Hotdogimperium (vergiftete Hotdogs? Theorie Mo)
  • Bandenzwist um Drogen
  • Silvers will Megan untersuchen

Das Hotdogimperium tauchte vor einigen Sitzungen auf, aber wir haben einen anderen, mittlerweile abgeschlossenen Handlungspfad beschritten. Da dieser Handlungsbogen an einem Nebencharakter hängt, der seinerseits zur Heldin einer Spielerin gehört, die aktuell aus privaten Gründen ausfällt, pausiert das Thema gerade. Sobald sie wieder einsteigt, könnte er noch aufgegriffen werden. Mit der Zeit könnte das auch in Vergessenheit geraten oder einfach nicht mehr aktuell sein. Wenn mich dieses Gefühl beschleicht, dann streiche ich ihn.

Aktuell folgt die Gruppe der Heldinnen dem Bandenzwist. Diese Storyline und die Dritte wurden zu demselben Termin aufgetan und letzte Handlung ruht. Theoretisch könnten beide Handlungsfäden auch ineinandergreifen und eine gemeinsame Geschichte beschreiben. Allerdings wäre das für die Spielerinnen basierend auf ihren Informationen nicht absehbar. Auf jeden Fall verdient es vorerst seinen eigenen Punkt.

Die offenen Fragen der Kampagne

Ein wenig überlappen sich Storylines und dieser Punkt auf den ersten Blick. Der Unterschied besteht für mich darin, dass offene Fragen entweder sehr spezifisch sind und keinen eigenen Handlungsbogen umfassen oder so viel einschließen, dass sie über mehrere Geschichten tragen. Sie dienen ebenfalls als Erinnerungsstütze bei aktuellen Ereignissen.

Besonders wenn die Fragen von den Spielerinnen festgehalten werden, sollt die Spielleiterin sich daran orientieren. Offene Fragestellen sind Hinweise dafür, was diese interessiert – fett gedruckt und in blinkenden Neonfarben! Die Antworten können gezielt in die Abenteuer eingebaut werden, um den Spielerinnen spannende Informationen zur Hintergrundwelt, Handlung, NSCs und Ähnlichem zu vermitteln, die mit offenen Armen empfangen werden.

Fragen, die zu aktuellen Ermittlungen zählen, bieten indirekt Orientierung zum Wissenstand der Gruppe und direkter: Welches Wissen sie bewusst suchen.

Nutzt das unbedingt!

Einschub: Neue Nebencharakterinnen

Natürlich bietet es sich an, neue Figuren aus einer Rollenspielsitzung in einem eigenen Punkt festzuhalten. Dazu zählen Namen und die verfügbaren Informationen zu ihnen. Allerdings halte ich alle NSCs regelmäßig gesondert nach und verzichte daher selbst auf einen eigenen Unterpunkt.

Zusammenfassung der Ereignisse

Zuletzt folgt der Hauptteil des Protokolls. Wie genau das aussieht, hängt von verschiedenen Vorlieben und der Nutzung von Mitschriften ab.

Stichpunkte bieten sich für gemeinsam genutzte Berichte meiner Meinung nach an. Sie funktionieren universell und können gut ergänzt werden. Dabei empfehle ich, die Bandbreite an optischen Einzügen, verschiedenen Aufzählungszeichen und teilweise Farben auszuprobieren, um die Zusammengehörigkeit von Stichpunkten visuell sichtbar zu machen. Zum Beispiel könnte ein neuer Auftrag mit einem einfachen Gedankenpunkt markiert werden, während weitere Details und die Belohnung als eigene Stichpunkte eingerückt oder mit Strichen am Zeilenanfang notiert werden.

Dieses Protokoll dürfte nur für mich aufschlussreich sein.

Sofern Deine Mitschriften nur von Dir gelesen werden, hast Du die volle Freiheit. Am Ende musst Du sie verstehen: Mindmaps, Flussdiagramme oder Skizzen der Schlüsselszenen… Probiere Dich aus.

Natürlich kann auch jede Gruppe von den Stichpunkten abweichen. Allerdings hilft es, wenn dann alle ein halbwegs einheitliches Format einhalten und ein gemeinsames Verständnis der Art und Weise teilen, wie die Notizen aufgearbeitet und strukturiert werden.

Tagebücher, Briefe und Ähnliches halten die Ereignisse auch gut fest. Das lasse ich außen vor, weil sich diese Formen meiner Ansicht nach mit Personal Play überlappen – also der Beschäftigung oder dem Spiel mit der eigenen Heldin abseits des Tisches. Dazu empfehle ich Folge vier des Genderswapped Podcast. Dort wird das Thema von Personen besprochen, die das mehr praktizieren, als ich.

Mein Protokoll als Spieler

Wenn ich Mitspieler bin, besteht meine Zusammenfassung aus sehr einfachen, chronologischen Stichpunkten. Dabei versuche ich Ereignisse erst nach einer Szene oder einem Sinnabschnitt festzuhalten. So konzentriere ich mich mehr auf das Spiel, statt mich in Details zu verlieren. Nur Namen und Orte halte ich möglichst sofort fest und lasse Platz für nachträgliche Ergänzungen im weiteren Spielverlauf.

Die Notizen einer meiner letzten Sitzungen als Spieler in unserer Curse of Strahd-Kampagne, sehen etwa so aus:

– Ankunft Weingut

-> vier Gestalten am Wäldchen in Lederregenmänteln

-> Vater von Owen, David + 1 Frau, 3 Kinder, 1 Balg

– Druiden und PLAGEN im Wald und Weingut

* Zondra => überwältigt und verhandelt; haben einen Stein gestohlen; wurde zurückgegeben gegen 4 Fässer und Hilfe den Anführer abzusetzen (Anführerschaft hängt an seinem Stab)

– Wölfe

(Ich schreibe handschriftlich mit und habe die Notizen für diesen Beitrag noch einmal lesbar abgetippt.)

Damit habe ich beim nächsten Mal die wichtigsten Punkte wieder im Kopf, wenn wir die letzte Sitzung noch einmal zusammenfassen. Würden wir ein gemeinsames Protokoll pflegen, wären meine Notizen ausführlicher.

Meine Notizen als Spielleiter

Wenn ich selbst leite, notiere ich mir primär neue, etablierte Fakten, Orte und Nichtspielercharakterinnen mit den bekannten Details, die dazugehören. Außerdem halte ich mögliche Abenteueraufhänger fest. Zwei häufige Beispiele sind:

  • Gerüchte und Berichte, die momentan nur dem Hintergrund etwas Leben einhauchen sollen,
  • Handlungen der Gruppe, deren Konsequenzen später in die Kampagne einfließen können.

Da ich wenig Notizen im Vorfeld mache und mit meinen Spielerinnen improvisiere, kenne ich viele dieser Informationen im vor der Runde tatsächlich nicht. Gerade bei Orten und NSCs hilft es mir, im Verlauf der Rollenspielkampagne konsequent zu bleiben.

Die Notizen gehe ich später gerne durch, um mich für die nächsten Sitzungen zu wappnen. Zum Beispiel greife ich lieber auf etablierte NSC der Kampagne zurück, wenn ich für ein neues Abenteuer Figuren für etwas Bestimmtes benötige. Diese können sich mit jedem Auftauchen weiterentwickeln und erhalten so mehr Gewicht bekommen.

In meiner Star-Wars-Kampagne wurde das beispielsweise gelobt, weil sich die Galaxis lebendiger angefühlt hat. Hier gab es unter anderem den Anführer einer Abenteurergruppe, der als letzter Überlebende einer Expedition zufällig getroffen und gerettet wurde. Zurück in Sicherheit erwähnte er, sich nach dem Tod seines Trupps – teilweise gute Freunde – auf einen bestimmten Planeten zurückzuziehen, um sesshaft zu werden. Natürlich bot es sich an, dass er als Besitzer einer Luxus-Wellness-Oase für Droiden, vulgo „überteuerte Werkstatt“, auftauchte, als der Heldentrupp einige Abenteuer später dort landete. Während er sein Unternehmen weiterentwickelte und expandierte, traf die Gruppe als Teil der Handlung wiederholt auf ihren Verbündeten und konnte so auch indirekt sein Leben mitverfolgen.

Da diese Informationen in den Notizen schnell untergehen können, fasse ich sie sporadisch geordnet auf.

  • In der genannten Kampagne zu Star Wars war das eine handgeschriebene Liste aller NSC auf einem unbenutzten Blatt.
  • Für meine Montagsrunde update ich gelegentlich ein Google-Dokument, das den Kanon der Welt festhält, den wir gemeinsam während des Spiels ausbauen.
  • Meine Superheldenrunde pflegt ein NSC-Verzeichnis in unserem Onenote, wo ich sie ergänzen kann – sofern die Spielerinnen das noch nicht getan haben.

Gruppenprotokolle als Spielleiter

Viele Varianten von Gruppenprotokollen wurden in meinen Runden bereits verworfen. Es gab Belohnungen fürs Protokoll, rotierende Zuständigkeiten und Freiwillige. Mittlerweile betone ich nur noch von Anfang an, dass für die Zusammenfassung des letzten Termins meine Spielerinnen zuständig sind. Die Art der Mitschriften bleibt ihnen überlassen. Das funktioniert in allen meinen Runden und es entwickeln sich unterschiedliche Wege.

  • In meiner Montagsrunde erfolgt nur die mündliche Zusammenfassung. Eine Spielerin macht sich ausführliche Notizen und gelegentlich Skizze, während andere eher grobe Punkte notieren oder sich auf ihr Gedächtnis verlassen.
  • Ein Spieler in meiner Star-Wars-Runde pflegte einen Feldbericht aus Sicht eines imperialen Beobachters und später aus der Perspektive seines Charakters.
  • Ein Spieler in meiner Star-Wars-Runde pflegte einen Feldbericht aus Sicht eines imperialen Beobachters und später aus Sicht seines Charakters, den er für Anmerkungen mit uns geteilt hat.
  • Unsere Superheldinnen schreiben ihre Notizen sehr ausführlich in unser Onenote, das ich anschließend „redigiere“. Meine Änderungen fasse ich in unserem Discord-Channel für alle zusammen.

Die Verantwortung an die Gruppe zu verteilen, umfasst einige Vorteile. Offensichtlich nimmt es mir Arbeit ab. Die wichtigsten Notizen mache ich mir selbst und merke mir die Ereignisse, ohne eine formale Zusammenfassung bedenken zu müssen. Stattdessen muss ich nur noch Fehler und Missverständnisse korrigieren oder Lücken füllen, sofern mir das relevant erscheint. Manchmal gewinnt die Geschichte auch dadurch, sie einfach als Fakt zu übernehmen.

Den Spielerinnen zuhören, lohnt sich immer. Das gilt auch für ihre Zusammenfassungen – vielleicht sogar besonders für diese. Was die Spielerinnen erzählen, verrät ihre Sicht auf die letzten Ereignisse. Superbrisante Details überhören sie möglicherweise oder unterschätzen deren Implikationen, obwohl die Spielleiterin sie für offensichtlich hielt. Außerdem konzentrieren sich diese Berichte darauf, was der Gruppe wichtig erscheint. Randbemerkungen, die ungewöhnlich viel Platz einnehmen, drängen sich möglicherweise als Aufhänger für Abenteuer oder Entwicklungen auf. In einigen Fällen sind diese die Spielerinnen sehr viel spannender als die ursprüngliche Idee. Bislang kennt niemand Deinen Plan.

Da ich am Anfang der meisten Sitzungen nervös bin, kommen diese Zusammenfassungen mit einem weiteren Vorteil. Nach den anfänglichen Gesprächen leiten sie die Runde ein. Als Spielleiter frage ich nur nach der Zusammenfassung. Manchmal wende mich auch gezielt eine Spielerin, wenn ich den Eindruck habe, dass es sonst immer an derselben hängen bleibt. Während der Zusammenfassung und den Ergänzungen kommt die Gruppe in Spielstimmung und wird bereits zu Beginn aktiv eingebunden, während sich meine Nervosität legt.

Illustrierte Rollenspielnotiz

Auszug aus einer Mitschrift mit Illustration von Sal

Kleines Fazit

Wie so oft, gibt es im Rollenspiel keinen richtigen oder falschen Ansatz. Nicht alle kommen mir derselben Art von Mitschrift klar und niemand sollte zu einer bestimmten Form gezwungen werden. Meistens funktioniert das ohnehin nicht gut. Trotzdem nimmst Du vielleicht etwas aus diesem Beitrag für Dich mit. Über Deine eigenen Gedanken oder Beispiele freue ich mich in den Kommentaren oder auf Twitter. Dort sammelt Pete auch unter dem Hashtag #mitvorteilnotiert Beispiele und Gedanken zum Thema. Schaut gerne vorbei und teilt Eure Bilder, Notizen und Ideen.

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