[RSPKarneval] Spielt „by the book“ – Eine versuchte Argumentation

Der Karneval der Rollenspielblogs steht im Dezember unter dem etwas sperrigen Thema RPG Regeln by the book oder ad-hoc verregeln und wird von mir organisiert. Der Eingangspost ist daher gleich um die Ecke. Diskussionen sind im Forum von rsp blogs möglich, wo auch die teilnehmenden Beiträge gesammelt werden.

Neben praktischen Beiträgen gab es bereits einige theoretische Beiträge, die sich mit dem Ad-hoc-Verregelung und den Regeln aus dem Buch auseinandersetzen. Der Tenor ist überwiegend einstimmig in verschiedenen Ausprägungen. Die Regeln im Buch sollten eingehalten werden, aber um eine gewisse Menge an Hausregeln und Handwedelei kommt man nicht herum.

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Obwohl ich selbst einen sehr nachlässigen Umgang mit Regeln pflegen, möchte ich in diesem Beitrag argumentieren, warum Ad-hoc-Regeln vom Spieltisch verbannt gehören (könnten). Das ist ein argumentativer Versuch, der sich nicht in meinen Ansichten widerspiegelt.

Identische Argumentationen

Die Argumentation dafür, dass man um Hausregeln nicht herumkommt, ist in den wesentlichen Punkten bei den Teilnehmern identisch. Für die Nuancen lohnt sich allerdings ein Blick in die einzelnen Beiträge, die im Eröffnungspost verlinkt sind.

I. Prämisse: Im Rollenspiel haben Spieler und Spielleiter umfangreiche Freiheiten.
II. Prämisse: Wenn Spieler und Spielleiter umfangreiche Freiheiten genießen, können Rollenspielautoren unmögliche alle eintretenden Spielsituationen vorhersehen. (Im Folgenden gehe ich einschränkend davon aus, dass die Spielsituationen settingkonform bleiben, d.h. in einem Setting, in dem es keine Magie gibt, tritt auch keine Situation ein, in der Magie auftritt und entsprechende Regeln fehlen.)
III. Prämisse: Wenn die Rollenspielautoren eine Spielsituation nicht vorhersehen, dann können sie diese auch nicht mit Regeln bedenken.

I. Konklussion Es muss Situationen geben, für die sich keine Regel by the book finden lassen.
II. Konklusion In solchen Situationen ungeregelte Handlungen zu verbieten, stünde im Widerspruch zu I. Prämisse.
III. Konklusion Es ist notwendig, eigene Regeln einzuführen.

Tatsächlich würde ich solche Regeln nicht uneingeschränkt als ad-hoc im Sinne des Karnevals bezeichnen. Weil ich viel handwedel, sind meine Hausregeln in der Regel ad-hoc, sodass mir das Problem erst spät aufgefallen ist. Die Gegenüberstellung by the book vs. ad-hoc ist nicht vollständig, weil es auch Hausregeln gibt, die nicht ad hoc eingeführt werden.

Hausregeln by the book

Eine bessere Gegenüberstellung wären vermutlich Regeln by the book vs. Hausregeln gewesen. Die wiedergegebene Argumentation würde sich nicht änder. Allerdings könnte man infrage stellen, ob die Beiträge, die so argumentieren, wirklich eine versöhnliche Zwischenposition einnehmen oder Ergänzungen bedürfen. Das wäre der Fall, würde man argumentieren, dass auch die eingefügten Hausregeln im weitesten Sinne „by the book“ sind und die Argumentation daher nicht notwendigerweise Ad-hoc-Regeln akzeptieren muss.

Die meisten Rollenspielregeln weisen bei den Regeln für die Konfliktlösung eine Grundidee auf, die sich (mehr oder weniger) konsequent durch das Regelwerk zieht. (Savage Worlds und Hollow Earth Expedition bzw. Space 1889 halte ich für gute Beispiel für solche Systeme.) Mit dieser Grundidee vermittelt das Rollenspiel ein bestimmtes Spielgefühl.

Das sollte eine akzeptable Annahme sein. Es erscheint beispielsweise unlogisch, anzunehmen, dass ein tödliches Universalsystem mit niedrigem Powerlevel das gleiche Spielgefühl wie ein cinematisches Universalsystem mit überlebensgroßen Charakteren. Wenn mir solche Alternativen zur Verfügung stünden, um eine bestimmtes Setting zu bespielen, dann sollte die Wahl des Systems das Spielgefühl massiv beeinflussen.

Wenn ein System ein bestimmtes Spielgefühl vermittelt, können Hausregeln einführen, die seiner Grundidee entsprechen und das von den Autoren angedachte Spielgefühl erhalten. Wenn sie Fälle regeln, die noch nicht im Buch geregelt sind, also den Regeln im Buch bzw. by the book nicht widersprechen, dann können wir sie als (Haus-)Regeln „by the Book“ bezeichnen.

Ich denke, dass Hausregeln im weitesten Sinne „by the book“ sind, wenn sie der Grundgedanken des Regelsystems entsprechen. Das sollte akzeptable sein, weil solche Hausregeln das von den Autoren erschaffene Spiel für unvorhergesehene Fälle ergänzen, aber das Spielgefühl und die Grundidee nicht verändern und damit das Spiel in seiner angedachten Form erhalten.

Eine Runde, die „by the book“ spielt, ist daher im Folgenden eine Runde, die die Regeln im Buch, wie sie geschrieben oder gedacht waren nicht ändert, sondern lediglich durch Hausregeln „by the book“ ergänzt. („By the book“ ist verschieden von einem strengen Sinn by the book.)

Warum wir „by the book“ spielen sollten

Flickr: Markus Erne: 10 Commandments (Lizenz: CC-BY-NC-ND 2.0)

Wird eine neue Gruppe gegründet, bzw. sucht eine bestehende Gruppe ein neues System, werden in der Regel Systeme oder Genres vorgeschlagen. Explizit oder implizit schwingt dabei mit, welches Spielgefühl sich die Beteiligten davon versprechen. Der Spieler, der Pathfinder oder D&D vorschlägt, wird sich vermutlich von einem High Fantasy System ein anderes Erlebnis versprechen als sein Mitspieler, der die Horrorspiele Unknown Armies oder Call of Cthulhu vorschlägt.

Akzeptieren wir, dass Spielgefühl von den Regeln abhängt, dann sollten wir auch akzeptieren, dass in der Zustimmung oder Ablehnung eines Systems auch Vorlieben und Abneigungen für ein bestimmtes Spielgefühl mitschwingen. Einigt sich demnach eine Gruppe darauf, ein bestimmtes Spiel zu spielen, dann einigt sie sich auf ein bestimmtes Spielerlebnis.

Das Spielgefühl und die Zufriedenheit

Änderung, die nicht „by the book“ sind, verändern das Spielgefühl, weil sie in die Grundmechanismen eingreifen oder Regeln ergänzen, die gegen die Grundidee verstoßen. (Man beachte unsere Definition von Regeln „by the book“ oben.)

Es wird voraussichtlich lang- oder bereits mittelfristig zu Unzufriedenheit am Spieltisch führen, wenn nicht „by the book“ gespielt wird. Der Grund dafür ist, dass nicht mehr das vereinbarte Spielgefühl erhalten bleibt. Dieser Effekt wird gelegentlich vermieden, wenn alle Beteiligten das neue Spielgefühl mindestens genauso gerne mögen, wie das vereinbarte.

Ähnlich ist der Fall gelagert, eine Runde mit einem System vorzuschlagen, das bereits verändert wurde, ohne diese Änderungen ausreichend zu kommunizieren. In diesem Fall würden sich die unwissenden Mitspieler auf ein Spielsystem einlassen, dessen Spielgefühl längst ein anderes ist als das erwartete Spielgefühl.

Das Spielgefühl und die Erwartung

Spieler, die das System nicht kennen, würden die Änderungen vielleicht nicht bemerken, aber ihre Erwartungshaltung würde falsch justiert. Das wird für sie zum Problem, wenn sie sich später auf das kennengelernte System ohne die Änderungen einlassen.

Umso mehr Erwartungshaltungen manipuliert und frustriert werden, umso schwieriger wird die Gruppensuche. Das Problem liegt darin, dass die Erwartungshaltungen immer stärker divergieren. Es tritt der Effekt auf, dass Spieler frustriert werden, weil sie das vermeintlich selbe Spiel, ganz anders interpretieren.

Wir sollten also „by the book“ bleiben, um die Spielerschaft nicht zu fragmentieren beziehungsweise nicht weiter zu fragmentieren. Statt ein System zu verändern lohnt es sich dieser Position nach, lieber ein anderes System zu wählen, wenn ein System die eigenen Ansprüche nicht genügt, aber dazu ein kleiner Einschub.

Ein wenig Relativierung

Die bisherigen Überlegungen sind sehr abstrakt. Zu einem hohen Grad ist es bereits Tatsache, dass Hausregeln existieren, die vermutlich in vielen Fällen das Spielgefühl verändert haben. Irgendwie funktioniert die Welt trotzdem.

Außerdem spielt jede Gruppe anders, selbst wenn sie die Regeln nicht verändern. Dadurch verändert sich natürlich auch das Spielgefühl in der Gruppe, sodass das Problem nicht von Regeln „by the book“ gelöst scheint.

Das kann stimmen, aber dennoch dämmen Regeln „by the book“ das Problem etwas ein, weil sie zumindest einen Problemaspekt reduzieren. Ein weiterer Aspekt wurde noch nicht angesprochen, nämlich der Sinn der Regeln als Leitlinien zur Konfliktauflösung.

Regeln zur Konfliktauflösung

Das vielleicht stärkste Argument für Regeln „by the book“ ist, dass das angesprochene Spielgefühl auch eine regeltechnische Orientierung bietet. Lasse ich mich auf das Spiel ein und erschaffe einen Charakter, werde ich ihn vermutlich in unterschiedlichen Systemen verschieden erschaffen. Das hängt davon ab, was in einem Spielsystem wichtig ist.

Stellen wir uns vor, ich spiele einen Magier, der Alchemie beherrscht. Natürlich stecke ich Ressourcen, wie XP, Stufenaufstiege, Skillpoints oder ähnliches in die alchemistischen Fertigkeiten meines Charakters.

Wird eine Regel eingeführt, die nicht „by the book“ ist, können diese in Konflikt stehen mit meinen regeltechnischen Erwartungen. Vielleicht hätte ich viel mehr Ressourcen oder viel weniger investiert, hätte ich vorher gewusst, dass spätere Regeländerungen den Wert meiner Fertigkeiten verändern.

Mit zunehmenden Neuregelungen, die nicht „by the book“ sind, kippen die Verhältnisse möglicherweise immer stärker. Auch hier kann es passieren, dass Unzufriedenheit ausbricht, weil Charaktere nie erstellt worden wären, hätte man die später eingeführten Regeln vorausgesehen. Oft muss das gar nicht absichtlich geschehen, sondern mit gutem Willen, ein Problem zu lösen, ohne zu bemerken, dass sich neue Probleme auftun.

Auch der Spielleiter kann davon betroffen sein, dass seine Kampagne möglicherweise grobe Änderungen erfahren muss, weil bestimmte Mechanismen nicht mehr wie vorgesehen funktionieren. (Beispielsweise wenn Gedankenmanipulieren geändert wurde, aber ein gedankenmanipulierender Kobold ein wichtiger Teil des Hintergrunds war.)

Nur wenn wir auf eigene Regeln verzichten und uns wenn notwendig auf Hausregeln „by the book“ beschränken, können wir die Orientierung durch die Regeln sichern. Das schützt weiterhin alle Beteiligten davor absichtlich oder unabsichtlich das Spielgleichgewicht zu stürzen. Die Spieler werden vor dem Spielleiter geschützt, der seine Position für „spielerfeindliche“ Hausregeln ausnutzt. Umgekehrt schützt nur eine solche Beschränkung davor, dass ihn die Spieler bei bestimmten Regeln überstimmen oder sich weigern, diese „by the book“ zu akzeptieren.

Was ist jetzt mit Ad-hoc-Regeln?

Jemand könnte einwenden, dass das irgendwie am Thema vorbei geht, schließlich geht es um by the book / „by the book“ vs. ad-hoc verregeln. Soll es aber nicht. Bisher wurde argumentiert, dass aus drei Gründen „by the book“ gespielt werden sollte

  1. In einer bestehenden Gruppe hat man sich implizit auf ein Spielgefühl geeinigt und Änderungen daran, forcieren Unzufriedenheit.
  2. Durch Änderungen, die nicht „by the book“ sind, werden intersubjektive Erwartungen an das Spielgefühl zerstört.
  3. Unzufriedenheit wird ebenfalls forciert, wenn die regeltechnischen Erwartungen frustriert werden.

In diesem Modell gibt es noch immer Raum für ad-hoc entworfene Regeln. Darunter sind meistens spontan entworfene Regeln zu verstehen, die meistens ein bestimmtes im Spiel auftretendes Problem lösen sollen. Ihre Aufgabe ist es, Regellücken zu schließen oder Regeln zu ersetzen, die sich in der Gruppe als nicht praktikabel erweisen.

Der genaue Anlass ihrer Einführung kann dabei sehr verschieden sein, beispielsweise eine Vereinfachung oder eine „realistischere“ Regelungen sehr abstrakt wirkender Regeln. Dabei werden die Grundgedanken des Systems zurückgestellt und das Spielgefühl bei der (auch assoziativen) Ausarbeitung nicht berücksichtigt.

Solche Ad-hoc-Regeln tauchen nach den vorangegangenen Definitionen und Annahmen überwiegend während des Spiels auf. Bestehende Regeln sollten in der Spielweise „by the book“ nicht angerührt werden und zwischen den Sitzungen können Regellücken in Ruhe „by the book“ geklärt werden. Daher bleiben für Ad-hoc-Regeln nur Regelprobleme, die während der Sitzung schnell gelöst werden sollen.

Regel: Ad-hoc-Regeln werden hinterfragt!

Im Gegensatz zu ähnlich wirkenden Positionen soll das nicht heißen, dass diese Ad-hoc-Regeln dazugehören oder ihm gar die richtige Würze verleihen. Im Gegenteil würde ein dogmatischer Ansatz „by the book“ die Regelprobleme am Tisch diskutieren, bis eine Lösung „by the book“ gefunden wird.

Der pragmatische Ansatz kann die Ad-hoc-Regel akzeptieren. Um allerdings die oben genannten Probleme zu vermeiden, muss zu einem Spiel „by the book“ zurückgekehrt werden. Deshalb werden Ad-hoc-Regeln nach diesem pragmatischen Ansatz spätestens nach der Sitzung geprüft und notfalls überarbeitet.

Sollte sich herausstellen, dass die Ad-hoc-Regel „by the book“ ist, kann sie übernommen werden. (Das heißt, sie steht zufällig oder weil die geübten Spieler ausreichend Erfahrung haben, im Einklang mit der Grundidee eines Systems und verletzt keine bestehende Regel.) Anderenfalls muss sie geändert und durch eine Regel „by the book“ geändert werden.

Der pragmatische Ansatz würde davon ausgehen, dass der Einfluss von kurzzeitigen Ad-hoc-Regeln zu gering ist, um ein echtes Problem zu werden. Wir halten dabei fest, dass Ad-hoc-Regeln nicht per se „by the book“ sind, dies aber sein können. Weil sie das Spielgefühl zunächst nicht berücksichtigen, sind sie das aber nicht systematisch sondern wahrscheinlich in den meisten Fällen nicht.

Doch ein Kompromiss?

Wie es kurz anklang, muss es nicht problematisch sein, nicht „by the book“ zu spielen. Werden Ad-hoc-Regeln oder Regeln, die nicht „by the book“ und nicht ad hoc sind, mit Konsens oder durch einen aufgeklärten Spieler bzw. (meistens) Spielleiter eingeführt, dann kann das wunderbar klappen.

Im Grunde ist es egal, ob wir by the book, „by the book“, ad hoc geregelt oder ganz anders spielen. Rollenspiel ist ein Hobby. Es ist ein Spiel. Es soll uns Spaß machen. Meine wichtigste Regel ist: Reden! Reden! Und wenn man nicht weiß, was man machen soll: Reden!

Redet bevor ihr Euch zusammenfindet. Redet, wenn ihr neue Regeln einführt, weil Euch etwas nicht passt. Und redet auch so einfach gelegentlich miteinander über die Runde, über Spaß und Frustration. Probleme verschweigen, löst gar nichts. Offen und respektvoll miteinander reden, öffnet Lösungsmöglichkeiten. Dann ist es auch egal, ob ihr streng by the book spielt oder das locker seht.

Bildnachweis

  • Logo des Karnevals der Rollenspielblogs: darf im Rahmen des Karnevals verwendet werden. Für den Dezemberkarneval habe ich den Titel eingefügt. Das geänderte Bild kann hier heruntergeladen und genutzt werden.
  • 10 Gebote: Flickr: Markus Erne: 10 Commandments (Lizenz: CC-BY-NC-ND 2.0)
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