Eine Perle aus der Unterwelt [Los Muertos]

Die Unterwelt, wie sie sein sollte: Bunt, skurril und spielbar – Los Muertos. Die gedruckte Ausgabe von Los Muertos[1] wurde für die RPC angekündigt[2], nachdem es sich bereits einige Monate schleppt. Anlass für mich Los Muertos auf der Basis der PDF-Ausgabe ein meinem ersten thematischen Blogeintrag vorzustellen. Ich beschränke mich beim Spoilern, Spoiler sind unter den Links am Ende und in späteren Beiträgen zu finden. Basis meiner Vorstellung und Einschätzung sind zwei Sitzungen mit fünf, davon vier verschieden Abenteuern, die ich bisher geleitet habe.

DAS SETTING

Von LucasArts-Klassiker Grim Fandango stark inspiriert[3] spielt man die Seele eines Frischverstorbenen, die sich in der Gestalt eines Skeletts präsentiert. Bereits während der Begrüßung in der Unterwelt wird der Seele offenbart, dass sie vier Jahre in der Unterwelt hat. Dazu gibt es auch gleich die Empfehlung, diese für eine Reise durch acht Ebenen zu nutzen, um das sagenumwobene Mitclan zu erreichen.

In ihren Gewohnheiten verhaftet, bleiben die Seelen wunderbar menschlich und leiden beispielsweise unter Hunger, obwohl technisch weder die Möglichkeit noch die Notwendigkeit besteht, zu essen und zu trinken. Entsprechend leicht fällt der Einstieg, da sowohl die Charaktere als auch die Spieler allein herausfinden können, was sie können – oder auch nicht.

In der Unterwelt erwarten die Charaktere die liebevoll gestalteten und skurrilen Ebenen der Unterwelt, einschließlich ihrer aztekischen Inspirationen. Jeder Ebene wurden ein eigenes Erscheinungsbild, Thema und Charakter spendiert – dabei Letzteres gelegentlich in doppelter Hinsicht. Während sich also die erste Ebene noch als „Ruhe vor dem Sturm“ präsentiert, konfrontieren andere Ebenen die Seelen mit ihrer unterdrückten Gier oder versuchen die Seelen hinter das Licht zu führen. Dabei hält Los Muertos die Balance zwischen Ernst und Humor mit Tendenz zum Spaß, ohne albern zu werden.

Zum bunten Eigenleben der Ebenen gesellen sich schrullige Götter, Seelen aus aller Welt, mutierte Seelen, die als Los Pasados nur noch ihrer großen Leidenschaft folgen und bunte Dämonen, unter deren Banner sich alles versammelt, was nichts anderes sein durfte. In jedem Fall gibt es einiges zu entdecken und erleben. Sollte ein Spieler anfangen, in der Unterwelt nach mächtigen Piraten oder vorlauten Zauberlehrlingen zu suchen, sollte man sich davon nicht irritieren lassen: Er genießt das Setting zwischen versteinernder Spucke aus dem Maul von – plüschigen Wesen – und süßen Goldadern vermutlich.

Nebenbei bemerkt habe ich zwar das betreffende Abenteuer noch nicht geleitet, aber aus der Namenswolke möglicher NPCs hat es Oscar Wilde bei mir natürlich zur Standardbesetzung geschafft: mein subjektiver Höhepunkt abseits des Humors. Wer kein Oscar-Wilde-Fan ist, findet in der betreffenden Namenswolke aber vielleicht auch einen seiner Helden wieder.

DIE MECHANIK

Die Grundregeln passen bequem auf ein Blatt DIN A5, der Lieferumfang von Los Muertos umfasst aber eine ganze Ladung optionaler Regeln, trotz derer sich die Mechanik im Hintergrund hält. Schwerpunkt von Los Muertos sind Beschreibungen und das Erzählspiel. Taktik kann nach Entscheidung des Spielleiters Schwierigkeiten und die Geschichte beeinflussen, wird aber von den Regeln ebenso wie Charakteroptimierung nicht explizit unterstützt.

Jeder Charakter besteht aus den sechs Eigenschaften Soziales, Körper, Kämpfen, Sinne, Wille, Geistiges und sehr frei wählbaren Spezialisierungen, wie Stunt-Fahrer bei Sinne oder Sexy auf Soziales. Dazu kommt optional eine Kraft der Sonne, welche mit rudimentärer Magie vergleichbar ist oder das Merkmal Angelito, das nichterwachsenen Seelen vorbehalten ist und erlaubt sich flatternd in der Luft zu halten. Mit Schicksalspunkten können für Proben nachträglich zusätzliche Karten gezogen oder die Kräfte der Sonne benutzt werden.

Bei der Charaktererschaffung wählt man eine von zwei Schablonen, in denen festgehalten ist, wie viele Eigenschaften man auf welche Werte setzen und wie viele Spezialisierungen man wählen darf, wenn man zusätzliche Merkmale wählt oder nicht wählt.

Für Eigenschaftsproben wird die Anzahl Karten von einem Stapel Skatkarten gezogen, die dem Wert der Eigenschaft entspricht. Rote Karten zählen als Erfolg, rote Asse als zwei. Der Schwierigkeitsgrad der Probe gibt an, wie viele Erfolge benötigt werden. Empfohlen wird, Proben nur abzulegen, wenn ein Scheitern zu unterhaltsamen Szenen führen könnte oder die Aufgaben wenigstens herausfordernd sind.

Optionale Zusatz- oder Alternativregeln machen Los Muertos dem eigenen Geschmack anpassbar. Wer die Schablonen für die Charaktererschaffung langweilig findet, weicht auf ein individuelles Kaufsystem aus und wer ein festes Steigerungssystem will, statt sich der Einschätzung des Spielleiters zu ergeben, wird ebenfalls bedient. Auch der Spielleiter kann frei entscheiden, ob gegen NPCs vergleichende Proben abgelegt werden oder er feste Schwierigkeitsgrade vorgeben möchte.

Viele optionale Elemente spreche ich als Spielleiter gar nicht an, weil ich selbst ihren geringen Umfang unnötig finde. Dazu gehört beispielsweise das Kaufsystem für die Charaktererschaffung, welche die Erschaffung verlängert, weil Berechnungen für die Punktekosten notwendig sind. Allerdings bleiben optionale Regeln ein nicht zu verachtender Service.

Letztlich dienen die Regeln als simples, grob differenziertes Konfliktsystem, wodurch sie auch übertragbar sind. Nach dem Schema der Kräfte der Sonne lässt sich die klassische Magie rudimentär darstellen, beispielsweise in Form von Elementarschulen und bieten sich mit ihrer Simplizität und Schnelligkeit dafür an, als Mechanik für Einsteiger und sehr erzähllastige Runden verwendet zu werden.

IN DER PRAXIS

Meine Erfahrung umfasst bisher vier der Abenteuer in einer Dreiergruppe von Rollenspielanfängern (davon einer, der zum ersten Mal gespielt hat), sowie ein Abenteuer in meiner Kampagnenrunde aus drei erfahrenen Rollenspielern, die bisher ein Abenteuer gespielt haben. Insgesamt komme ich auf vier Abenteuer, von dem ich eins doppelt geleitet habe.[4]

SPIELEINSTIEG

Der Anfang ist schnell: Regelerklärung und Charaktererschaffung sind rasch erledigt und fallen kaum ins Gewicht, wenn bereits im Vorfeld jeder Spieler weiß, was für einen Charakter er spielen möchte. Jeder Spieler wählt eine Schablone, nach der er die Höhe seiner Eigenschaften festlegen kann. Dabei umfasst eine Schablone eine Kraft der Sonne oder das Angelito-Merkmal, während die andere dafür höhere Eigenschaften und mehr Spezialisierungen zulässt.

KAMPAGNE

Sind die Regeln klar und die Charaktere erschaffen, kann es bereits losgehen. Für die mitgelieferte Kampagne liegen Settingkenntnisse für die Spieler zwischen optional und störend. Nach der Spielprämisse sterben die Charaktere und finden sich kurz darauf ohne Tutorial in der Unterwelt wieder – entsprechend unbekannt ist die Situation. Logisch können Spieler und Spielcharaktere die Ereignisse also problemlos gemeinsam kennenlernen und durch eine obligatorische Begrüßung in der Unterwelt erfahren die Charaktere die Rahmenbedingungen ihres Nachlebens und dass Mitclan auf sie wartet.

Praktisch hat es sich sehr gut gemacht, die Spieler nacheinander die Todesumstände ihrer Charaktere beschreiben zu lassen und den Faden aufzunehmen und mit der Ankunft in der Unterwelt ausklingen zu lassen. Damit kommen alle schnell im Spiel an. Ideal ist es, wenn die Spieler vorbereitet sind mit einer bunten, abwegigen Todesart, die die humoristische Atmosphäre des Spiels bereits aufgreift.

Zügig geht es auch weiter. Die vorgeschlagene Kampagne besteht aus zwei bis drei Abenteuern je Ebene, die für zwei bis drei Stunden gedacht sind. Wegen ihrer Kurzweiligkeit und der Abwechslung durch die verschiedenen Ebenen bleibt wenig Platz für Trott oder Langeweile. Weiterhin sollte jeder Charakter eine Ebene finden, in der er besonders gefordert ist, und muss sich in keiner Ebene durchgehend langweilen. Nur Spieler, die einfach nicht auf das lockere, unernste Spiel stehen, sollten ein anderes System suchen – alle anderen können die Kurzweiligkeit der Unterwelt vermutlich genießen und ihren Spaß daran finden.

Auch die Spielvorbereitung geht leicht von der Hand. Mit dem PDF reicht es meistens völlig, das Abenteuer gründlich zu lesen und nach individuellem Bedarf, wichtige Punkte zu markieren. Dabei umfasst ein Abenteuer meist nur zwei Blätter, werden je zwei Seiten auf ein Blatt gedruckt. Durch das DIN A5 Format des PDFs, leidet darunter nicht die Lesbarkeit. Auch Proben gehen flott von der Hand. Das Spiel gewinnt, wenn die Spieler ihre Karten einzeln ziehen und aufdecken. Das erhöht die Spannung, während das humoristische Setting den Druck der Angst vor dem Scheitern senkt.

Benutzt man Seelenpunkte als Charaktersystem, funktioniert auch das Steigerungssystem in der vorgefertigten Kampagne ziemlich gut. Die Charaktere können von durchschnittlichen Seelen zu (fast) epischen Werten von drei bis vier Punkten in jeder Eigenschaft aufsteigen, was ihre gewonnen Erfahrungen widerspiegelt. Überträgt man die Regeln, um eine eigene Kampagne zu spielen, sollte diese nicht länger sein als die mitgelieferte Kampagne. Ich erwarte sonst, dass di Charaktere schnell zu mächtig werden, was auch gewünscht werden kann.

ONE-SHOT

Die mitgelieferten Abenteuer sind alleinstehend und in sich geschlossen. Daher spricht nichts dagegen, einzelne Abenteuer als Lückenfüller in einer regelmässigen Runde zu spielen, wenn die eigentliche Kampagne nicht fortgesetzt werden kann. Dafür sollten die Spieler allerdings in das Setting eingeführt werden, insbesondere die Bedeutung der Gewohnheiten, grundlegende Bewohner der Unterwelt und die Rolle des Schicksals könnten sich dafür anbieten.

Insgesamt lässt es sich nicht schlechter spielen als in einer Kampagne, verpasst aber die Entwicklung der Charaktere, während sie sich auf die Unterwelt einstimmen und sich an die Unterschiede zwischen den Ebenen gewöhnt haben.

Die Hinweise und Tipps, um eigene Abenteuer für sesshafte Seelen zu schreiben, bieten sich insbesondere für One-Shots an, da eine Kampagne sesshafter Seelen schnell unglaubwürdig erscheint. Da jede Seele weiß, dass sie nach vier Jahren vergeht, ist es nicht einleuchtend, warum Seelen riskieren sollten, früher endgültig sterben, wenn sie nicht nach Mitclan trachten. Am ehesten scheint noch die Aussicht auf Wiederbelebung für Kampagnen motivierend. Für One-Shots hingegen ist es deutlich einfacher, ein sinnvolles Abenteuer zu gestalten, die sich um ungewöhnliche Zwischenfälle bei alltäglichen Dingen drehen.

Überträgt man die Regeln für ein One-Shot, fallen die Bedenken zur Charakterentwicklung weg. Ich selbst kann es sehr empfehlen, Los Muertos Regeln für erzähllastige Runden oder Einsteiger zu verwenden. Neben einer Abenteueridee ist keine Vorbereitung nötig, wenn der Spielleiter improvisieren kann, Schwierigkeitsgrade und NPC-Werte können intuitiv festgelegt werden. Gleichzeitig bieten die Regeln alle Regeln, die man für ein Rollenspiel benötigt tief gehend genug, um individuelle Charaktere zu spielen und ihre Werte trotzdem im Notfall auf einer Servierte notieren zu können.

AUFMACHUNG

Das PDF ist A5 und durchgehend in Farbe; die gedruckte Ausgabe laut Shopseite ebenfalls[5]. Bereits das Titelbild führt die Stimmung der Unterwelt ein und lässt sehr gut erahnen, wie sich Los Muertos spielt und worum es geht. Eingesetzt um die Beschreibungen zu unterstreichen, kamen selbst meine schwarz-weiß Ausdrucke von NPC-Bildern bei meinen Spielern gut an.

Mit zwei Spalten in einer angenehmen Schriftgröße und Zwischenüberschriften ist Los Muertos gut gelayoutet. Auch meine Ausdrucke waren gut lesbar und lassen erahnen, dass es sich mit dem Regelwerk gut auskommen lässt. Doppelseitig gedruckt oder aufgeschlagenes Regelwerk sollte keinen Unterschied machen, in beiden Fällen hat man mit wenig blättern alles im Blick, was man zum Leiten benötigt. Je nach Spielleitertyp kann es nachteilig sein, dass die hübsche Aufmachung davon abhält, mit dem Textmarker herumzustreichen, wie ich es bei meinen Ausdrucken gemacht habe und damit gut vorbereitet war, auch wenn ich die Markierungen letztlich nicht benutzt habe.

Verschiedene Übersichten stechen mit einem Kasten farblich unterlegt hervor, wie die Beispiele für Schwierigkeitsgrade. Allerdings verwirrt die PDF-Ausgabe dadurch ein wenig, dass teilweise auf Infokästen verwiesen wird, die man im Text als überschriebene Absätze findet, während man nach den beschriebenen Unterlegungen sucht.

Fehler in Rechtschreibung und Grammatik sind mir nicht hängengeblieben, sodass die Gestaltung des PDFs sich insgesamt sehen lassen kann und auch Durchblättern Spaß macht. Mich überzeugt die Gestaltung und ich hoffe auf eine Kartenblatterweiterung, wie es als Gedankenspiel in den Raum geworfen wurde[6].

FAZIT

Mich überzeugt die liebevolle Gestaltung von Los Muertos sowohl formal als auch inhaltlich. Die skurrile Unterwelt und lockere Regeln sorgen für kurzweiliges, entspannendes Rollenspiel mit minimalem Vorbereitungsaufwand, als One-Shot oder Kampagne. Wer etwas „Anderes“ ausprobieren mag oder noch ein System sucht für spontane Runden mit simplen und einsteigerfreundlichen Regeln, sollte sich Los Muertos auf jeden Fall einmal ansehen und für 14,95 Euro kann man nicht viel falsch machen.

Abgesehen von einigen Göttern, liefert Los Muertos aber hauptsächlich abenteuerspezifische NPCs und Kreaturen. Für eigene Abenteuer den originalen Charme von Los Muertos einzufangen, bedarf es einen entsprechenden Humor bei der Gestaltung von Situationen, NPCs und Kreaturen. Ich selbst bleibe unzufrieden mit meinen bisherigen Ideen, freue mich aber dennoch auf die Fortsetzung der Los Muertos Kampagne und schließe mit dem Bekenntnis, dass ich bisher noch keine Ankündigung kenne, die Los Muertos abringen könnte, mein Rollenspiel 2014 zu werden.

Einige Links zu Los Muertos

Grundregelwerk inklusive Kampagne, ein Abenteuer und ein Oster-NPC mit Plothooks
Soziale Unterwelt: Facebookseite von Los Muertos
Angehende Spielleiter, die ein Vorbild wünschen oder Spieler, die mit Spoilern leben wollen, können in Sitzungsvideos schauen: Bei Meister Umbreon oder hier

Anmerkungen:
[1] http://www.prometheusgames.de/verlag/2013/06/01/los-muertos-jetzt-als-kostenloser-download/
[2] http://www.prometheusgames.de/verlag/2014/04/18/und-was-gibts-neues-april-2014/
[3] http://www.tanelorn.net/index.php?topic=79599.msg1650007#msg1650007
[4] Das Abenteuer: „Die Sache mit dem Hund“
[5] http://shop.prometheusgames.de/rollenspiele/los-muertos/1249/los-muertos?c=556
[6] http://www.tanelorn.net/index.php?topic=79599.msg1695084#msg1695084

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